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Roger Cardinal

"Spuren der Präsenz"

Ein Vortrag:

Unsere Epoche scheint ein seltsames Interesse zu hegen für jede Art von Zeichen und vor allem für spontan hinterlassene Spuren. Im Kino gilt als Grundelement des Kriminalfilms der Mythos vom fatalen Fehler, den der Verbrecher zwangsläufig bei seiner Straftat begeht. Dank der Autorität der Kriminalwissenschaft werden wir davon überzeugt, dass der kleinste körperliche Kontakt - ein Daumenabdruck auf einem Glas, ein Haar auf einem Kissen, ein Fußabdruck am Boden - einen unvermeidlichen und unmissverständlichen Hinweis hinterlässt und dass dies nichts anderes ist, als die einzigartige Signatur des Individuums. Wir dürften fast annehmen, dass wir mit jedem Schritt, in jeder Minute und an jedem Ort, unwiderlegbare Beweise unserer Präsenz hinterlassen.

Was wir unter ,Kunstwerk' verstehen, ist ein absichtlich geformtes expressives Objekt, welches eine Präsenzerklärung par excellence vergegenwärtigt. Denn, wenn eine Person künstlich orientierte Kompositionen hervorbringt - sei es in Form von Zeichnungen, Malereien, Skulpturen, Graffiti oder Schriften - dann ist es so, dass jedes Gekritzel, jede Arabeske, jede Schlaufe als das Resultat einer physischen Bewegung zu betrachten ist, die ein Zucken im Gehirn oder im Nervensystem übermittelt, welches für die Person mehr als alles andere das Bewusstsein ihrer Existenzbedingungen bestätigt. Diese Person - die dank der vermittelnden, zeichenstreuenden Hand zum Zeugen ihres eigenen Ichs wird - dürfte als ein expressiver Organismus verstanden werden, der sich völlig dem Abenteuer der Anordnung von inneren Affekten und Ideen hingibt.

Obwohl es nicht jedem Menschen, der regelmäßig ein Malatelier besucht, gegeben ist, als Künstler anerkannt zu werden, bleibt es dennoch so, dass die Bereitschaft, das gro#e Experiment der Selbstveräu#erung zu unternehmen, unsere vollständige Bewunderung verdienen muss. Das ganze Wesen dieser ungewöhnlichen Individuen scheint fähig zu sein, dem kreativen Impuls ungezwungen freien Lauf zu lassen, ohne jegliche soziale oder technische Konvention in Betracht zu ziehen. Sie ergreifen den Bleistift oder den Pinsel, um sich selbst vorzuführen - lange bevor etwaige andere Personen in Betracht gezogen werden - und um zu zeigen, dass es etwas ungemein Wichtiges gibt im Verhältnis zwischen dem Ich und der Fläche, über die es sich beugt. Und wenn der Pinsel das Papier einmal berührt, dann springt ein Bild in die Welt, als das natürliche Kind dieser fruchtbaren Begegnung.

So wird, ganz spontan, ein erster Schritt gemacht in Richtung der Selbst-Erklärung, ein erster Schritt, der sehr wohl zu einer autobiographischen Weiterentwicklung führen kann, die den Autor und die Zeichnung verbindet. Weil wir als Zuschauer oder Kritiker ziemlich spät an den Tatort gelangen, wo eine behinderte Person sich erklärt, werden wir zum Detektiv, der nicht nur die Spuren auf dem Papier aus der Nähe in Betracht ziehen muss, sondern auch die Spuren zu deuten hat, die diese in seinem eigenen Wesen hinterlassen. Es ist klar, dass das was hier passiert, viel weiter geht als ein mechanisches objektives Dechiffrieren. Wir haben es mit einem regelrechten expressiven Prozess zu tun, so dass wir eigentlich nicht umhin können, den Sinn der Botschaft zu erforschen. Sie richtig zu verstehen, hei#t einen Akt der Empathie zu vollziehen. Eine wertvolle Interpretation kann nur mittels einer unverhohlenen Gegenseitigkeit entstehen.

Was typisch in der Kunst der geistig behinderten Menschen zu sein scheint, ist ihre Dringlichkeit, ihr Anschein eines febrilen Lyrismus. Diese Merkmale sind letzten Endes das Resultat des fortschreitenden Bestrebens des Bildners, sich selbst zu finden und zu definieren. Erst dann kommt ja der Drang, mit anderen Leuten eine Kommunikation aufzubauen. Vom virtuellen Bild bis zu dem auf einer Fläche realisierten Bild schreiten wir weiter bis zum Bild, das der Zuschauer entgegennimmt und verinnerlicht. Es ist dieser letzte Schritt, der das erstaunliche Resultat hat, ästhetische Einfühlung zu stimulieren.

Gibt es hier einen Anlass, von Schönheit zu sprechen? Wohl kaum, oder wenigstens nicht im üblichen Sinn des Worts. Denn, wenn Schönes hier zum Vorschein tritt, handelt es sich vielmehr um eine spezielle Art von Schönheit, die viel weiter oder an einer kecken Kurve. Genau wie bei der Outsider Kunst ist der Wert dieser Werke daran zu messen, dass wir uns wie in einem magnetischen Feld gefangen fühlen: sie verlangen unser höchstes Engagement und unsere volle Aufmerksamkeit. Wie durch ein Wunder bekommt das Spontane und das Arbiträre hier eine absolute Autorität. Wir stehen vor diesen ausdrucksvollen Werken wie vor Fenstern, die plötzlich aufgetan werden. Zwar können wir das Fensterbrett nicht überklettern: doch spüren wir mit totaler Sicherheit einen subtilen Hauch von Wind auf unserer Haut, etwas Beruhigendes oder Aufblitzendes, etwas Zartes oder Scharfes, als spürbare Garantie von Kontakt und tieferem Sinn.

Roger Cardinal ist als Autor des ersten Buchs über Art Brut bekannt:
Outsider Art (London u. New York, 1972).

Kontakt
Klaus Mecherlein
atelier hpca & euward Archiv
Hirschplanallee 2
85764 Oberschleißheim
Tel.: +49 89 315 81-161
Fax: +49 89 315 16 78 Klaus Mecherlein
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