Schriftgröße        | Kontakt
 | english | deutsch
Startseite   euward   Bewerbung   Preisträger   Service   Presse   Links

Arnulf Rainer

"... man bohrt auch diese Quelle an"

Ein Gespräch

Klaus Mecherlein: Herr Rainer, Sie haben in fast vierzig Jahren die wohl größte private Sammlung so genannter Außenseiter Kunst zusammengetragen. Es werden dafür die verschiedensten Begriffe, teilweise synonym, gebraucht: Außenseiter Kunst, dann, aus dem Englischen, Outsider Art, Art Brut oder, wie auch jüngst wieder zu lesen, psychiatrische Kunst. Welchen Begriff bevorzugen Sie für diese Arbeiten?

Arnulf Rainer: Psychiatrisch Kunst auf keinen Fall, denn da sind ja auch körperlich Behinderte dabei oder Einzelne, die neurologisch gesehen überhaupt keine Probleme haben.
Ich bevorzuge Outsider, denn manche sind gar nicht in Behandlung, sondern leben irgendwo einsam, wie Autisten, zum Beispiel. Andere sind natürlich in Wohnheimen und werden betreut... .
Es ist sehr schwer etwas Genaues zu finden, einen Generalbegriff, der wirklich alles umfasst. Und L'Art Brut, das hat Dubuffet, von dem der Begriff stammt, ziemlich streng gehandhabt und eingegrenzt und eingeteilt, anders als wir es heute oft machen; und ich weiß nicht wie weit der Begriff damit sozusagen geschützt ist - wahrscheinlich nicht juristisch, aber doch so ähnlich.

K.M.: Wäre der Begriff "Außenseiter" denn in gesellschaftlicher Hinsicht zu verstehen oder in Bezug auf die etablierte Kunst?

A.R.: Nachdem jetzt viele in Heimen leben, kann man nicht mehr sagen, Außenseiter in gesellschaftlicher Beziehung, sondern ich würde sagen, die sind am Rande der Kunstentwicklung. Sie sind durchaus auch berührt von der zeitgenössischen Kunst und dadurch, dass sie auch eine Response haben von einem Publikum. So ist das also nicht wirklich ganz jenseits unseres Empfindungsvermögens für Kunst, das heißt, sie sind einsehbar und einfühlbar.

K.M: Ein Außenseiter ist doch eigentlich jeder Künstler, weil er nie wirklich integriert sein kann - und vielleicht hat er gerade darin eine besondere Funktion. Welche Funktion und d.h. auch, welchen Einfluss auf die Kultur hat Ihrer Meinung nach gerade diese Kunst - vielleicht auch heute noch?

A.R.: Sie sind ein Korrektiv und sie beeinflussen natürlich auch den großen Strom der Kunst, wie wir sie aus dem Galerie- und Ausstellungsleben kennen. Umgekehrt muss man wiederum sagen, dass sie manchmal etwas Neues bringen, dass sie aber ein gemeinsames Kennzeichen haben. Eines der wichtigsten Kennzeichen ist, dass es hier kaum einen Bildungshintergrund gibt. Zweitens, sie haben einen engen mentalen Fokus. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn ein Autofahrer betrunken ist, übersieht er andere Verkehrs-teilnehmer und Verkehrszeichen, weil sein Fokus eingeengt ist. Und so ähnlich muss man sich das auch vorstellen bei diesen Künstlern, die also keinen so großen Horizont haben. Ich habe auch nur einen relativ größeren Horizont und Überblick, sie haben aber einen sehr schmalen. Es gibt ein ganz sicheres Zeichen, wo jemand nicht zur Outsider Kunst gehört und das ist, wenn er einen Führerschein hat, dann gehört er sicher nicht dazu, zur Outsider Kunst.

K.M.: Was wäre dieser Führerschein genau? Ab wann also würde man da eine Grenze ziehen?

A. R.: Na ja, wenn einer einen Führerschein hat, heißt das ja, dass er nicht so ein enges Aufmerksamkeitsfeld hat, sonst würde er irgendwelche Karambolagen, Unfälle bauen; der Führerschein würde ihm abgenommen und dann ist schon anzunehmen, dass er in der Fahrschule Schwierigkeiten hat. Deswegen, wenn jemand sagt, er ist ein Outsider Künstler, dann fragen Sie ihn sofort: "Haben sie eine Drivers Lizenz?" Wenn er die hat, dann lügt er Sie an.

K.M.: In einem Ihrer Texte sprechen Sie von einer Art Treppenfunktion in der künstlerischen Arbeit, wonach der Künstler sich, wie Sie sagen, "von Bild zu Bild hangelt", sich also weiterentwickelt durch das einzelne Werk zum nächsten. Würde das so auch für die Outsider Künstler gelten, oder wäre hier vielleicht ein Moment dieses eingeschränkten Fokus zu sehen, dass das bei ihnen so nicht der Fall ist?

A.R.: Nein, auch ein Outsider hangelt sich von einem zum nächsten Bild und es gibt zumindest irgendeine Entwicklung, wenn auch nicht sehr große Schwankungen. - Aber das hat mit dem nichts zu tun. Sondern es ist einfach nur so, dass jeder Künstler ein schöpferischer Mensch ist und an einem Werk oder einer Werkserie sich entwickelt, bis er dann mit einer neuen Sache aus sich heraustritt. Das heißt, der Künstler ist sehr geprägt von seinen schon geschaffenen Werk und das ist auch der Outsider. Nur, Outsider haben nicht so eine große Mobilität, das heißt, sie verändern sich nicht so stark.

K.M.: Nun sind Outsider ja mittlerweile auf dem Kunstmarkt sehr gefragt, geradezu "in" - hierin keineswegs out. Könnte es passieren, dass ihre Eigenart, auch ihre Funktion als kulturelle Randfiguren verloren geht, wenn sie zu populär würden?

A.R.: Na ja, da muss man ein bissel vorsichtig sein. Natürlich haben sie die Funktion, dass sie auch einen neuen, ganz anderen Blickpunkt haben, aber letzten Endes ist es so, dass Außenseiter und Insider sich so zusagen an der Hand nehmen und in Kontakt stehen und dass sich das immer mehr verwischt.
Es gibt eine wichtige Funktion auf der anderen Seite, das ist, dass die Außenseiter-Kunst, dadurch, dass sie von Künstlern mit einem relativ engen Horizont geschaffen wurde, für uns den Stellenwert eines Stressminderers hat. Das heißt, wenn wir nicht so große Aufmerksamkeit haben müssen für Vieles - wie z.B. beim Autofahren - dann mindert das unseren Stress. Und das überträgt sich auch auf das Kunstpublikum, so dass es zu dieser Art von Weltsicht auch eine Beziehung hat. Es erleichtert ihnen das Leben... . Outsider Kunst ist, wie soll ich es sagen, eine Heimkunst...

K.M.: Daran ließe sich anschließen, mit einer Passage, die Sie 1978 geschrieben haben, in dem Text "Was aber ist Johann Hauser" 1). Ich fand das sehr bemerkenswert und zitiere Sie hier mal. Da heißt es z. B: "Ein 'Infantiler' erfüllt durch seine Zeichenwerke frühe Träume, alte Ideale, gegenwärtige Wünsche. Wir erfahren Vergangenheitsgenugtuung, erhalten Trittbretter für ehemalige Entwicklungen." Dann: "Debile bewältigen die Entfaltung der Gescheiten"! Würden Sie das heute noch so sehen?

A.R.: Das schließt sich an das an, ja, - ... man kann nicht sagen Debile, aber Leute mit einem niedrigen Intelligenzquotienten. Natürlich ist das nicht Intelligenz, was sie so zusagen provoziert bei Anderen, aber sie provozieren eine Einfühlnahme in frühere Stadien, die man selbst auch gehabt hat. Wir sind auch irgendwann mal geboren, es entwickelt sich ja alles erst.

K.M.: Ist das - eben Gesagte - eine Motivation für Ihre Sammlung gewesen?

A.R.: Ich wollte Sachen zusammentragen, die eigentlich damals kulturell überhaupt nicht geschätzt worden sind. Ich würde nicht sagen, dass das abfällig beurteilt worden ist, aber sie wurden gar nicht bemerkt. Wir haben ja noch aus der Zeit des Nationalsozialismus eine starke Verachtung von behinderten Menschen und ich wollte damit eigentlich auch zeigen, dass da durchaus eine Leistungsmöglichkeit bei diesen Menschen vorhanden ist, und dass sie auch Anderen etwas geben können, dass hier nicht eine absolute Assozialität vorhanden ist.

K.M.: Das wäre - aus Sicht des Künstlers - ein Motiv aus relativer Distanz. Anders ausgedrückt, ein soziales Motiv.

A.R.: Sie müssen denken, ich bin nach dem Krieg so zusagen erwacht als Künstler und das war meine Sozialisation. Ich habe da noch Verschiedenes mitgekriegt, nicht - und das Wort "entartete Kunst" war damals schon etwas, was noch sehr virulent war, nach dem Krieg und oft verwendet worden ist. Auch noch in akademischen Kreisen; hier war es z. B. der Sedlmeier mit dem "Verlust der Mitte".
Wir haben ja tatsächlich die Mitte verloren, aber erst durch das Internet... Das ist ja nichts Falsches aber es ist auch nichts Positives.

K.M.: Gab es darüber hinaus möglicherweise Berührungspunkte, insofern diese Kunst Ihnen in formaler und inhaltlicher Hinsicht nahe stand, dass eine Inspiration davon ausging, für Ihre eigene Arbeit?

A.R.: Nein, ich würde sagen, es sind Anregungen ausgegangen, die haben sich dann auch niedergeschlagen. Ich bezweifle aber, dass das parallel verlaufen ist; also ich hatte meinen Standpunkt bevor ich damit überhaupt in Berührung gekommen bin. Ich komme natürlich noch aus dem Surrealismus in der Nachkriegszeit, und die Surrealisten waren ja bekanntlich von dieser ganzen Kunst der Geisteskranken begeistert und auch infiziert.

K.M.: In Texten aus dieser Zeit klingt auch eine Identifikation mit den Outsidern an, was die Sicht der eigenen Existenz als Künstler betrifft, wenn Sie, beispielsweise in dem schon zitierten Abschnitt, über Johann Hauser und zugleich über sich selbst sagen: "Auch ich bin alles andere als ein Adler, eher eine Fliege, ein Wurm [...]; auch ein J. Hauser getarnt als akademischer Maler."

A.R.: Na ja, Adler, das ist hier eben ein Synonym für einen großen Überblick und meint erst mal Genauigkeit, einen scharfen und weiten Blick. Das habe ich auch nicht, und ich bin jeweils in meiner eigenen Arbeit sehr eingeengt, aber ich versuche, nachdem ich etwas gemacht habe, in einem neuen Schritt mich so zusagen zu verzweigen und immer neue Gebiete zu betrachten. Das ist letzten Endes nur möglich, wenn man keine riesigen Bilder malt, sondern durch die Zeichnung, die erlaubt einem eine größere Beweglichkeit.

K.M.: Der "Hauser, getarnt als akademischer Maler", das beinhaltet doch auch die Einsicht in die eigenen - partiellen - Schwächen (oder, wenn man so will, Stärken ...), wie eine enge Fokussierung, Eingrenzung des Blicks. Oder, dann natürlich die Einsicht, bzw auch Bereitschaft diese verschiedenen Rolle auszufüllen.

A.R.: Ja, das stimmt schon, nur ist da ein Unterschied von Hauser zu mir. Die Metapher, der Hauser als akademischer Maler, meint natürlich, dass ich sehr aus der Emotion und Naivität heraus arbeite...

K.M.: ...um ebensolche Grenzüberschreitungen zu erreichen, in "diese Wunderwelt einzudringen"?

A.R.: Man bohrt auch diese Quelle an. Aber im Unterschied zu den Behinderten bohr ich viele Quellen an und fahr sozusagen auch mit den verschiedensten Fahrzeugen. Und ich hab natürlich einen Führerschein. So versuche ich ja auch meinen Fokus immer mehr zu erweitern. Ich betrachte mich überhaupt nicht als Außenseiter. Die ganze Kunst, das ist ja ein permanenter Prozess der Ausweitung und der Verzweigung.

K.M.: Wäre das eine persönliche Definition Ihrer Rolle als Künstler - als ein anerkannter, einflussreicher Künstler, heute?

A. R.: Ich selbst kann mich ja nicht selber übersehen, ich kann nicht einen Standpunkt außerhalb meiner selbst einnehmen. Das geht anderen Künstlern, wenn sie ehrlich sind, auch so, dass sie über ihre eigenen Arbeiten Bescheid wissen, bzw, ihre eigenen Arbeiten richtig einschätzen.
Kontakt
Klaus Mecherlein
atelier hpca & euward Archiv
Hirschplanallee 2
85764 Oberschleißheim
Tel.: +49 89 315 81-161
Fax: +49 89 315 16 78 Klaus Mecherlein
Das Augustinum
Im HPCA
Bereits seit 1968 betreibt das Augustinum das Heilpädagogische Centrum. Lesen Sie mehr über die Augustinum Gruppe. weiter